Fitness im Freien - Der Trend des Outdoor-Trainings (2)
26. Dezember 2018

Outdoor-Training - Die Heilkraft der Bewegung an der frischen Luft

Fitness ist grundsätzlich eine Indoor-Geschichte, so nimmt man immer noch an. 'Draußen' geht man - höchstens - Laufen und macht eventuell ein paar Kniebeugen und Stretching-Übungen.
Dabei sind die Vorzüge von regelmäßigem Outdoor-Training inzwischen sogar wissenschaftlich untersucht worden. In einer kleinen Serie wollen wir Euch einige dieser Vorzüge vorstellen.

Teil 3 kümmert sich heute um die körperliche Selbstwahrnehmung.

(3) Sport im Freien und der Einfluss auf die körperliche Selbstwahrnehmung

In den letzten beiden Beiträgen hatten wir über die positiven Einflüsse von Outdoor-Training auf die Psyche und die Stimmung berichtet – ein signifikanter Mehrwert von Bewegung im Freien. Aber auch aus direkter trainingswissenschaftlicher Sicht hat Outdoor-Sport einen gewaltigen Mehrwert. Das Stichwort hierzu lautet Propriozeption – darunter versteht die Sportwissenschaft die sensomotorische Wahrnehmung und Eigenkörperwahrnehmung. Im heutigen dritten Teil unserer Serie skizzieren wir Euch, was unter Eigenkörperwahrnehmung zu verstehen ist und warum unser Alltag nicht unbedingt förderlich dafür ist. Was Outdoor-Training hier für uns tun kann, zeigen wir Euch im kommenden vierten Teil – und natürlich in unseren Ausbildungen zum Athletiktrainer.

Die Sensorik des Körpers

Wenn ein Mensch sich in seiner Umgebung orientieren möchte, nutzt er dazu zwangsläufig drei verschiedene Systeme. Zunächst das visuelle, nämlich die Augen, dann das Gleichgewichtssystem, das im Ohr angesiedelt ist, und schließlich das kleine signalgebende System in Muskeln und Haut – die Propriozeptoren. Mittels Gelenkstellung und –bewegung sowie durch die Muskeln kann der Mensch wahrnehmen, wo er oder Teile seines Körpers sich im Raum befinden, wie Gliedmaßen in welcher Geschwindigkeit bewegt werden oder wie schwer bestimmte Gewichte sind. Man spricht hier von Stellungs-, Bewegungs- und Kraftsinn. Die Sensoren, die all diese Informationen sammeln, finden sich in Bändern und Gelenkkapseln, aber auch in sogenannten Muskelspindeln oder Sehnenspindeln, die Weiterleitung erfolgt über die Nerven und die Informationsverarbeitung findet in Rückenmark und Gehirn statt. Der Körper kann somit, bei gut funktionierender Informationsaufnahme und –verarbeitung, ziemlich exakt die momentane Belastung auf Gelenken und Bändern wahrnehmen, mit muskulärer Anspannung darauf reagieren und so einen effektiven Schutz seiner Strukturen gewährleisten.

Verkümmerte Eigenwahrnehmung durch fehlende Bewegung im Alltag

Die meisten Unfälle passieren im Haushalt – eine Bauernweisheit, die bei genauer Betrachtung Licht wirft auf die zentrale Problematik unseres Alltags. Wir bewegen uns deutlich zu wenig – zumindest mit unserem gesamten Körper in Muskelketten und unter Anwendung komplexer Bewegungsmuster. Das klassische Szenario ist der Stand auf einer kleinen Trittleiter, der unsichere Stand und das Fallen.

Zurückzuführen ist das auf eine mangelhafte Eigenwahrnehmung: der Körper war, während die Augen auf die Haushaltstätigkeit gerichtet waren, mittels der Sensoren nicht in der Lage, seine Position im Raum wahrzunehmen. Im Zweifel kann eine gut ausgebildete Muskulatur, die bspw. durch Muskeltraining an Maschinen im Studio aufgebaut wurde, schlimme Verletzungen verhindern, nicht aber den Sturz. Hierzu ist eine gezielte Förderung der Sensorik des Körpers notwendig.

Die Sinne fordern – die Propriozeption fördern

Ganz allgemein kann man das Problem der fehlenden Fähigkeit zur Propriozeption – und den verkümmerten Sinnen – also auf eine Einseitigkeit im körperlichen Erleben zurückführen: Auto, Arbeit, Auto, Couch / Restaurant. Dem Körper ist zu jedem Teil seines Tages relativ klar, wo er sich aktuell befindet – ein besonders wacher Stellungs- oder Bewegungssinn ist immer weniger notwendig. Gegensteuern lässt sich hingegen mit fast jeder Form von Bewegung, gerade Spielsportarten sind jedoch extrem hilfreich, um die Eigenwahrnehmung zu schulen, genauso Kampfsportarten, bei denen ständig die Stellung im Raum und zum Gegner berücksichtigt werden muss. Immens förderlich ist zuletzt Bewegung draußen, denn: wir haben es mit sich ständig verändernden Bedingungen zu tun. Die unterschiedlichen Bodenarten, der Wechsel der Umgebung (Wald zu Wiese zu Straße) und die direkte Abhängigkeit von Wetter und Licht. All das sind Herausforderungen für die Körperselbstwahrnehmung und fördern sie somit gleichermaßen.

Im nächsten Teil unserer Serie schauen wir uns dieses Phänomen noch ein wenig genauer an.

(Foto: Outdoor-Coach Workshop der ASGE im Okt. 2018 in Wiesbaden)